Archive for Dezember 2003

Zwischen Weggehen und Wiederkommen

Der erste WinterBall im „Stadt’l“ vereinte junge Oberlausitzer von hüben und drüben
Von Mathias Menzel (Sächsische Zeitung)

Australien, Bali, Manchester, München: Junge Oberlausitzer zieht es in alle Ecken der Welt. Andere bleiben hier. Rund 500 von ihnen trafen sich am Sonnabend im Neugersdorfer „Stadt’l“ zum WinterBall. Um miteinander zu diskutieren, Kontakte aufzufrischen und bis vier Uhr morgens zu feiern.

Stefan Moritz ist selbst einer der Weggegangenen. Er studierte in Köln, Mailand und Helsinki, macht im Moment ein Praktikum in London. Er hat schon viel gesehen, viel Neues kennen gelernt. Trotzdem steht für den 24-Jährigen fest:

„Irgendwann will ich zurück- kommen, will hier in der Oberlausitz was bewegen.“ Ideen dafür hat er viele, der WinterBall am Sonnabend war eine davon. Entwickelt und organisiert mit Freunden, die jetzt in Leipzig oder Dresden studieren, aber auch mit Hiergebliebenen. Eine große Wiedersehensparty sollte es werden und ein Forum, um alte Kontakte wieder aufzufrischen oder neue zu knüpfen. Und um herauszufinden, wo es junge Oberlausitzer inzwischen so überall hin verschlagen hat.

Leipzig, München, Hamburg, Bonn und Leverkusen sind die nahe liegenden Varianten, Australien, China, Südafrika oder gar Bali die ausgefallen. Und daneben so „normale“ wie die USA, England, Irland, Spanien oder die Schweiz. Meist sind es Studium oder Arbeit, die die jungen Oberlausitzer fortziehen. Die Heimatliebe ist groß, das Wiederkommen aber nicht immer sicher: „Ich würde schon gern wieder herkommen“, sagt beispielsweise Steffen, der in Stendal gerade sein Diplom macht. Aber ob es hier auch mit der Arbeit klappt?

Alrun ist aus Schottland zurückgekommen und muss nun feststellen: „Meine ganzen alten Freunde leben inzwischen woanders, und eine wirklich nette Kneipe fehlt in Ebersbach.“ Wirklich weg bleiben die, die in der Fremde eine gute Arbeit finden, eine Familie gründen. Wie Simone, die sich in Bonn selbstständig gemacht hat. Ihre Heimat vermisst sie zwar, aber sagt auch: „Das Berufliche muss ich vorn anstellen, denn nur davon kann ich leben.“ Die Folgen des Wegzugs sind bekannt: Sinkende Einwohnerzahlen, Überalterung, sinkendes Bildungsniveau in unserer Region.

Gibt es daraus einen Ausweg? Welche Perspektiven kann die Oberlausitz jungen Leuten noch bieten? Um diese Fragen kreiste eine Diskussionsrunde vor der großen Ballnacht, an der neben Hiergebliebenen und Weggegangenen auch zwei Wirtschaftsvertreter teilnahmen: Neugersdorfs Vorzeige-Unternehmer Ernst Lieb und der Ausbildungsberater Christian Puppe von der IHK Görlitz.

Und beiden war daran gelegen, Hoffnung zu machen. Ernst Lieb: „Wer jung ist und gut ausgebildet, hat hier viele Chancen.“ Geeignete Fachleute für seine Firma MBN sucht er bundesweit. Junge Oberlausitzer hat er wieder zurückgeholt nach ihrem Studium in Leipzig, München oder Berlin. „Es ist enorm wichtig, sich gut auszubilden, Lebenserfahrungen zu sammeln. Das geht nur anderswo.“

Wiederkommen helfen soll eine Internet-Plattform, die seit fast einem Jahr online ist: www.sachsekommzurueck.de. Verzeichnet sind darauf unter anderem aktuelle Stellenangebote. 27 Fachleute wurden so schon in die Oberlausitz geholt. Die Seite ist entstanden auf Initiative des Ausbildungsrings Oberland e.V., zu dem inzwischen 165 hiesige Unternehmen gehören. Noch hat die Oberlausitz hier die Vorreiterrolle. Eine Rolle, die Ernst Lieb der Region allgemein zutraut: „Wir können die Gallier Deutschlands werden: Pfiffig, klug, und den anderen immer einen Schritt voraus.“

Auch die Macher des WinterBalls denken über eine eigene Internet-Plattform zum Kontakthalten nach. „Da könnte dann jeder nachschauen, ob es jemanden gibt, der was Ähnliches macht oder schon mal dort war, wo ich gerade hin will“, sagt Stefan Moritz. So könnten die in der Welt verstreuten Oberlausitzer auch übers Jahr in Verbindung bleiben – bis sie sich zum nächsten WinterBall wiedersehen.

Mehr Infos zum Thema unter:

www.winterball.info

www.spinnfabrik.de

www.sachsekommzurueck.de

Add comment 29. Dezember 2003


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